Eine Hornspitze wächst wie ein Stapel ineinandergeschobener Trichter, eine Lage Keratin über der nächsten, und wer eine Platte daraus heraussägt, durchtrennt diese Lagen unter einem bestimmten Winkel. Der Winkel entscheidet über das Bild. Flach angeschnitten, öffnet sich eine dunkle Lage zu einem breiten Band, steiler angeschnitten steht dieselbe Lage nur noch als schmaler Strich. Zwei Platten aus einer einzigen Spitze fallen deshalb schon verschieden aus, wenn zwischen ihnen kaum Material liegt: die eine mit einer hellen Bahn quer über die Mitte, die andere mit zwei feinen Zügen weiter außen. Vorhersagen lässt sich das nicht, weil die Lagen im Inneren keiner geraden Linie folgen.
Damit beginnt die Arbeit, die an diesem Griff die meiste Zeit kostet. Die gesägten Platten werden nebeneinandergelegt, gedreht, gegen eine Lampe gehalten und nach dem Ton sortiert, den das Material im Kern trägt. Gesucht wird dabei keine Kopie, sondern ein Gegenstück: zwei Schalen, deren Bänder in dieselbe Richtung ziehen, deren Helligkeit sich höchstens um eine Nuance unterscheidet und deren Kanten ähnlich weit aufhellen. Was am Ende nicht überzeugt, geht zurück in den Vorrat und wartet auf einen anderen Zuschnitt derselben Spitze.
Montiert wird erst danach. Die beiden Schalen werden zwischen die vier Platinen gesetzt, vorn und hinten kommt je eine Backe aus Edelstahl dazu, und der Glanz entsteht in mehreren immer feineren Durchgängen, mit wenig Druck, weil Keratin Wärme rasch aufnimmt und sich unter zu viel davon verzieht. Geschliffen ist die Klinge in der Yatagan-Silhouette, vorn schlank auslaufend, und wer sie aufklappt, hört sie einrasten. Zum Schließen hin bremst ein Anschlag im Inneren des Griffs die Schneide, bevor unten Stahl auf Stahl käme, was der Schärfe über die Jahre zugutekommt.
Handgefertigt im Aveyron, der Heimat des Laguiole-Messers













